Du bist der Frühling

Vegan?! Ein Biss-chen extrem…

Über mich/About me

März29

(Please scroll down for the English version of this text)

Meine Großmutter sagte: „Nur eines ist schlimmer als etwas Gutes nicht zu tun: Etwas Gutes zu tun und darüber zu sprechen.“

Weniger Tierprodukte zu konsumieren ist etwas Gutes und sehr Wichtiges. Wenn ich darüber spreche, dann weil möglichst viele verschiedene Menschen darüber sprechen sollten, um möglichst viele verschiedene Menschen zu erreichen.

Viele leben, aus diversen Gründen, im Glauben, in der Welt nicht zu zählen und nichts bewirken zu können. Mit dem Gefühl der Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit entschuldigen sie gleichgültiges und verantwortungsloses Verhalten. Sie verspielen ihrer Macht. Das ist tragisch für den Einzelnen und für die Umwelt, der solche Menschen ihren Beitrag versagen.

Wie viele, die in einer dysfunktionalen Familien aufwuchsen, betrachtete ich die Welt lange aus einer Opferrolle. Opfer sind oft erschöpft vom ständigen Ringen um Selbstwert und Sicherheit. Opfer wissen oft nichts von ihrer eigenen Stärke.

Im letzten Jahr stieß ich immer wieder auf das Wort ‘Integrität’. Es ließ mir keine Ruhe.
Am Ende des Jahres 2010 fand ich den Film ‘Earthlings‘.

Zwei Wochen habe ich gebraucht, um den Film anzuschauen. Mehr als zwanzig Minuten am Stück konnte ich die Bilder nicht ertragen.

Plötzlich gingen mir die Ausreden aus, mein Konsumverhalten zu rechtfertigen. Die Mechanismen, das, was ich an schrecklichen Bildern gesehen hatte, von meinem täglichen Tun abzuspalten, funktionierten nicht mehr. Mich erfüllte eine markerschütternde Scham.

Nach den ersten 20 Minuten des Films setzte ich mich geschockt an den Computer und schrieb einer Freundin eine Mail, in der ich feierlich gelobte, ab sofort 50% weniger Tierprodukte zu konsumieren.

Diese Mail liegt noch heute in meinem Entwurf-Ordner. Ich habe sie nie abgeschickt. Ich traute mir selbst nicht. Ich wusste, dass ich mich schnell empören konnte und ungefähr genau so schnell vergessen konnte.
Nur noch die Hälfte? Das schien mir zu gewagt, zu extrem.
Ich beschloss, mich ganz klammheimlich an diesem Vorsatz zu versuchen.

Nach einer Woche hatte ich die letzten Scheiben Bio-Salami und Ziegenkäse aufgebraucht, die noch in meinem Kühlschrank lagen. Wirklich genossen habe ich sie nicht mehr.
Wieder eine Woche später war ich stinksauer.

Wer hatte mir eingeredet, vegan zu essen sei ‘viel zu extrem’, zu schwierig und für Normalsterbliche nicht praktikabel?
Warum hatte ich das geglaubt ohne es zu hinterfragen?
Wer hatte mich hier eingelullt und warum?
Die ersten Schritte waren erschütternd leicht.

Das Essen war nicht das Problem. Klar, ich fand nicht gleich alles köstlich, was ich da so zubereitete. Bis zu den ersten kulinarischen Höhenflügen brauchte es ein wenig Übung und die richtigen Rezepte. Ich betrat schließlich Neuland. In der ersten Fahrstunde habe ich auch nicht gleich mit Schwung rückwärts eingeparkt.

Ich las viel zu dem Thema. Auch in online-Foren und Kommentaren zu Zeitungsberichten. Die heftigen Streits und üblen Beschimpfungen gegen und von Veganern erschreckten mich. Worauf ließ ich mich da ein?
Die widersprüchlichen Informationen darüber, ob vegane Ernährung eindeutig die gesündeste der Welt oder ganz sicher ein Weg in die Mangelernährung sei, verunsicherten mich.
Die Frage, ob ich, wie viele Veganer, die Nutzung von Tieren durch den Menschen prinzipiell ablehnte, konnte ich für mich nicht klar beantworten.

Aber plötzlich aß ich statt der geplanten ’50% weniger’ nun gar keine Milchprodukte und Eier mehr und maximal einmal pro Woche Fleisch. Wenn mich jemand fragte, warum ich das tat, sagte ich: „Ich bin da so reingeschlittert.“
Ich fand keinen triftigen Grund umzukehren.

Monate später weiß ich immer noch nicht, ob ich die Nutzung von Tieren prinzipiell ablehne. Aber da muss ich mir auch nicht sicher sein, um konkret zu handeln.

Meine vorläufige Antwort sieht so aus: Ich ernähre mich zu mehr als 95% vegan.
Gegenstände aus Leder oder meine Daunendecke nutze ich noch, will sie im Laufe der Zeit jedoch ersetzen, weil ich sie mit anderen Augen sehe. Ich kann nicht umhin mich zu fragen, wer diese Tiere waren, von denen das stammt. Wie haben sie gelebt?
Ich lerne nach und nach, in welchen Gebrauchsgegenständen Tierprodukte versteckt sind und informiere mich über Alternativen.
Dieser bewusstere Umgang mit Konsum zieht weitere Kreise. Ich frage mich, wer in Spanien meine Tomate gepflückt hat, oder wer dieses T-Shirt zum Schnäppchenpreis genäht hat.

Manchmal fällt es mir noch schwer, mich Fremden gegenüber zu ‘outen’. Zum Beispiel beim Apotheker oder beim Bäcker. Ich will mit meinen Fragen nicht lästig fallen oder als Sonderling gelten.
In solchen Situationen erlaube ich mir je nach Tagesform den Spielraum von 5% Ungewissheit. Ich muss nicht perfekt sein. Springe ich doch über meinen Schatten, stoße ich meist auf Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Ich kann keine absolute Entscheidung für den Rest meines Lebens treffen. Ich will mein Leben keinem Dogma unterordnen. Ich will im Einzelfall bewusste und informierte Entscheidungen treffen. Wenn ich noch etwa alle zwei bis drei Wochen Lust auf Fleisch habe, dann esse ich eine kleine Portion, die ich beim Biometzger kaufe. Die Abstände werden größer.

Was bin ich jetzt? Eine Beinahe-Veganerin? Eine situative Veganerin?
Der offizielle Begriff ist Flexitarierin.

Die Dehnbarkeit des Begriffes ist einerseits angenehm menschelnd, andererseits bin ich in der Sache nicht so flexibel, wie der Begriff suggeriert.
Wenn mir eine Freundin liebevoll eine Nudelsoße zubereiten, in der ‘nur ein kleiner Löffel Schmand (aus konventioneller Haltung)’ ist, weil ich ‘das ja nicht so eng’ sehe, habe ich ein Problem. Ich kann so ein Essen nicht mehr genießen.
(Im konkreten Fall fand sich ein Gläschen veganes Pesto rosso im Vorratsschrank. Der Abend und die Freundschaft waren gerettet.)

Der Weg, den ich in den letzten Monaten eingeschlagen habe, überrascht mit unerwarteten Hürden, deren Umlaufen oder Überspringen Kreativität, Schlagfertigkeit und Scharfsinn trainieren.
An manchen Tagen tut es weh, wacher zu sein und mehr zu sehen als zuvor.
Ich gehe mittlerweile mit mehr Klarheit, Stärke und Integrität durchs Leben. Und das hat schon seine Richtigkeit.

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My grandmother said: „There is just one thing worse than omitting a good deed: Doing good and talking about it.“

Consuming less animal products is doing good and doing something very important. I will talk about it, for as many different people as possible should talk about it, in order to reach as many different people as possible.

For different reasons, many are living in the belief they do not matter in this world and have nothing to contribute. They use their feeling of powerlessness and insignificance as an excuse for acting indifferent and irresponsible. They are giving away their power. This is tragic for them personally and for the world, to which they are withholding their contribution.

As many, who came from a dysfunctional family, I looked at the world from the perspective of a victim for a long time. Victims are often exhausted from their constant struggle for self-worth and safety. Victims often have no idea about their proper strength.

Over the past year I came across the notion of ‘integrity’ again and again. It preyed on my mind.
At the end of 2010 I discovered the movie ‘Earthlings

It took me two weeks to watch the entire movie. I couldn’t bear the images for longer than 20 minutes at a stretch.
I suddenly ran out of excuses to justify my consumer behaviour. My strategies to split off the terrible pictures, I had seen in the media, from my daily actions no longer worked. I was haunted by a shame that went to the core.

After the first 20 minutes of the movie I wrote an e-mail to a friend. I solemnly vowed to consume 50% less animal products.

This e-mail is still in my drafts folder, today. I never sent it. I didn’t trust myself. I knew, I could be scandalized easily and I could forget about as easily, too.
Only half of all? This was probably too daring, too extreme.
I decided, to try it on the quiet.

After one week I had finished the last slice of organic salami and goat cheese I still had in my fridge. I hadn’t really enjoyed it.
Another week later I was hopping mad.

Who had talked me into thinking eating vegan was ‘much too extreme’, too hard and not workable for the average person?
Why had I lived according to this belief without questioning it?
Who had lulled me and why?
The first steps were shockingly easy.

Food wasn’t the problem. Of course, not everything I was cooking in the beginning was delicious. It took some trial and error and the right recipes until I lived my first culinary highs. I was breaking new ground. I didn’t perform parallel parking smoothly on the first driving lesson, either.

I was reading a lot on the subject. In online forums, or comments to news article, too. The heavy fights and mean insults shocked me. What was I getting into?
The contradictory information on whether a vegan diet clearly was the best in the world, or positively a safe way into malnutrition unsettled me.
Also, I couldn’t give a clear answer to the question, whether I, like many vegans, was against man using animal, on principle.

But suddenly, instead of the planned ’50% less’ I ate no more dairy and eggs, at all, and ate meat once a week, at most. If somebody asked me, why I was doing this, I said: ‘I just drifted into it.’
There was no compelling reason to go back.

Months later, I still don’t know, whether I oppose the use of animals on principle. But I don’t have to know for sure to act now.

My provisional answer is this: I eat vegan more than 95% of the time.
I still use things made from leather or the feather bed I had. I plan to replace those things, as I look at them differently, now. I can’t help asking myself, who those animals had been and how they had lived.
I am learning step by step, in which product of daily use animal products are hidden and get informed about alternatives.
This more conscious consumption draws circles. I am wondering, who has picked my tomatoes from Spain, or who was sewing this bargain of a T-shirt.

At times, I find it hard to ‘come out’ towards strangers, like at the drugstore or the bakery. I don’t want to be a nuisance or want to be looked at as the oddball.
On certain days, when I feel insecure, that 5% elbow-room does me good.
If I jump over my own shadow, though, I get friendly and helpful reactions, in general.

I cannot make an absolute decision for the rest of my life. I don’t want to subordinate my life to a dogma. I want to take conscious and informed decisions in individual situations. If still about every two or three weeks I feel like having meat, I will eat a small portion, bought from an organic butcher. The intervals get bigger.

What does this make me? An almost-vegan? A situative vegan?
The official term is a flexitarian.
The strechability of this term leaves room for human weakness, on the one hand. On the other hand, I am not as flexible as the term suggests.
If a friend lovingly prepares a pasta sauce for me, with ‘just one tiny spoon of sour cream (from conventional farming)’, for I’m not that ‘narrow-minded’ with it, I now have a problem. I cannot enjoy such a meal.
(In that precise case, my friend found a jar of vegan pesto rosso in her pantry. Dinner and friendship were saved.)

This road I have taken over the past months has surprised me with unexpected obstacles. To overcome or to bypass them trains creativity, quick-wittedness and discrimination.
Some days it hurts to be more awake and to see more.
I walk through life with more clarity, strength and integrity. And that is fine with me.

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2 Comments to

“Über mich/About me”

  1. Avatar Oktober 14th, 2011 at 14:05 Heldin Says:

    Hallo :-)

    ich mag Deinen blog, sowohl die Rezepte als auch die Nicht-Rezepte-Posts (ach so, und den Namen finde ich toll!) und habe Dir daher einen Award verliehen:

    http://vegan-und-lecker.de/2011/10/14/ein-award-und-etwas-ueber-mich/

    Viele Grüße,

    *Heldin


  2. Avatar Oktober 14th, 2011 at 21:32 Frau Springinsfeld Says:

    Oh, wie schön. Danke, liebe Heldin! :D
    Eine schöne Überraschung zum Wochenende. Es freut mich sehr, dass dir mein Blog gefällt und ich freue mich, dass ich so deinen Blog entdeckt habe! Der gefällt mir ausgesprochen gut! Die Rezepte schreien nach Ausprobieren.
    Liebe Grüße,
    Frau Springinsfeld


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